THE LINE. SIEHT SO DIE STADT DER ZUKUNFT AUS?
VON ALYSSIA GROSSE
Eine spiegelnde Fassade mitten in der Wüste Saudi Arabiens. Dahinter verbirgt sich eine Stadt ohne Straßen, ohne Autos – aber Wohnraum für 9 Millionen Menschen. Klingt nach einer neuen James-Cameron-Produktion, könnte aber schon bald Realität sein. Wenn es nach dem saudischen Kronprinzen und dem Großprojekt "Neom" geht, soll die Stadt "The Line" eine zivilisatorische Revolution bringen, die das urbane Leben grundlegend verändern wird. Ist die Umsetzung tatsächlich möglich? Und, wann werden die ersten Bewohner in die Zukunftsstadt ziehen?
Megacity in der Wüste
"The Line" soll auf einer Fläche von 34 Quadratkilometern entstehen. Am Nordufer des roten Meeres, ist die geplante Stadt strategisch gesehen optimal gelegen: Direkt vor der Tür liegt der Suezkanal als wichtige Handelsquelle, das Rote Meer sowie vielseitiges Gelände, von roter Wüste bishin zu schneebedeckten Bergen. Die ganze Stadt soll sich 500 Meter über dem Meeresspiegel befinden und wird somit allein architektonisch völlig neu sein: vertikal in die Höhe gebaut. Auch die Wahl der spiegelnden Außenfassade hat einen bestimmten Grund: "The Line" soll sich perfekt in seine Umgebung einfügen.
Die Linie besteht aus einzelnen Modulen innerhalb derer das Leben stattfindet. Die Idee, städtische Funktionen vertikal zu schichten und gleichzeitig den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich nahtlos in drei Dimensionen (nach oben, unten oder quer) zu bewegen, um sie zu erreichen, ist ein Konzept, das als "Zero Gravity Urbanism" bezeichnet wird. So sollen alle wichtigen Einrichtungen innerhalb von fünf Gehminuten erreichbar sein. Laut Neom sollen "die Gemeinschaften auf einer physischen und digitalen Infrastruktur-Ebene aufgebaut werden, die wesentlichen Versorgungs- und Transportdienste unter der Oberfläche integriert." Ein High-Speed Zug soll nur 20 Minuten brauchen, um Passagiere von einem zum anderen Ende zu befördern. Die Menschen kämen dort völlig ohne eigene Fahrzeuge aus.
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Nachhaltigkeit neu definiert
Neben dem Fokus auf wirtschaftliche Innovation soll "The Line" vor allem Eines sein: nachhaltig. Betrieben durch 100 % erneuerbare Energien, soll besonders die Luft der Stadt sehr sauber sein. Keine Autos, viele Grünflächen und ein Leben im Einklang mit der Natur sind Kernelemente des Lebens. Ein optimales Gleichgewicht von Sonnenlicht, Schatten und natürlicher Belüftung sorgt für das perfekte Microklima. Die Stadt soll sich nach den Bedürfnissen ihrer Bewohner richten – nicht umgekehrt. Durch die extrem verdichtete Grundfläche soll eine neue Art zu Arbeiten und neue Geschäftsmodelle entstehen. So sollen bis 2030 rund 380.000 Arbeitsplätze geschaffen werden. ![]()
Das steckt hinter NEOM
Den Namen NEOM hat sich Vorstandsvorsitzender und Kronprinz Mohammed Bin Salman überlegt. „Neo“ ist Altgriechisch für „neu“, „M“ ist der erste Buchstabe des arabischen Wortes „Mustaqbal“ – „Zukunft“. NEOM ist das Gebiet Saudi Arabiens, in dem auch "The Line" gebaut wird. 95 % davon zählen als Naturschutzgebiet und werden nicht bewohnt. Selbst bezeichnet sich NEOM als eine "Sonderwirtschaftszone, die mit innovativer Arbeit die Wirtschaft des Königreichs fördert und Lösungen bietet, die anderen Teilen der Welt zu Gute kommen können".
Wer jetzt denkt, NEOM und "The Line" sind noch totale Zukunftsmusik – weit gefehlt. 2015 wurde bereits still und heimlich mit dem Bau begonnen. Ausgangspunkt für alle Baumaßnahmen ist der NEOM Airport, der als erstes errichtet wird. Ziel ist es, dass bereits bis 2030 eine Millionen Einwohner in "The Line" wohnen.