SOMMERAUSGABE 2024
02 | 2024
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FLUGZEUGE IM HERZEN, KEROSIN IN DER NASE – #PLANESPOTTER SEIT 2001

Von Sonderlackierungen und Flugstatistiken – eine vorläufige Bestandsaufnahme

VON ANDREAS UNTERBERG

Beruflich arbeite ich als Content Creator bei der Nordwest Mediengruppe. Nach einer Ausbildung und Bachelor- und Masterstudium in Soziologie und Politikwissenschaften bin ich heute zuständig für Text, Fotos und Interviews. Egal welche Station ich im Leben hatte, ein Hobby hat mich immer begleitet: Das Fliegen. Ich muss schon ein wenig überlegen, wenn man mich fragt, woher die Liebe zur Luftfahrt und zur Fliegerei kommt. Ist doch mein erster Flug alles andere als angenehm und erfüllend gewesen. Wir schreiben das Jahr 2000. Flughafen Hamburg, es ist Mitte April in den Abendstunden. Meine Eltern und ich kommen am Terminal 1 an. Ein Airbus A320 der türkischen Airline Onur Air wartet auf dem Vorfeld zum Abflug auf der Startbahn 23. Ich kann mich noch genau an den Blick auf die Kleingärten von Niendorf kurz nach dem Start erinnern. Mein Sitzplatz: 31F, natürlich am Fenster. Nach ca. zwei Flugstunden ging es los. Hagelschauer und Sturm im rumänischen Luftraum. Es prasselte auf die Maschine nieder. Mir wurde schlecht, bis heute übrigens das einzige Mal im Flieger, dass mir übel wurde. Mantra-artig erzählte ich mir: „Ich werde kein Pilot, ich werde kein Pilot, ich werde kein Pilot.“ Damals war ich elf Jahre alt. Nach der Landung in Antalya dann der Aufschrei: „WIR LEBEN NOCH“, sehr zur Belustigung der Mitreisenden. 

IN BILLUND WAR ICH NOCH UNWISSEND

Doch das sollte mich nicht abhalten, der Fliegerei als Hobby zu verfallen. Bis heute bin ich 200-mal geflogen, habe unzählige Flugshows, wie etwa die Oostwold Airshow oder viele Jahre auch die ILA Berlin, besucht. 150 Flughäfen und Flugplätze weltweit bereist und zehntausende Fotos als Planespotter gemacht. Spotting-Highlights, wie etwa Funchal auf Madeira oder die griechische Insel Korfu waren dabei. Auch kein Luftfahrt-Museum war bisher vor mir sicher. Mein erster Besuch an einem Flughafen war übrigens nicht der in Hamburg zu meiner ersten Flugreise. 1995 war ich bereits am Flughafen im dänischen Billund, verbunden mit einem Besuch im Legoland. Woher ich das alles noch weiß? Das Dokumentieren und Datieren von Flügen und Flugzeugfotos gehört mit zum Hobby, aber dazu später mehr.

Hier eine Bildergalerie von meinen Erlebnissen und Erfahrungen.

HAMBURG AIRPORT – WOHLFÜHLORT UND PRAKTIKUMSPLATZ

Der Flughafen Hamburg sollte mich in meinem bisherigen Leben noch viele Male wieder mit schönen Erlebnissen erfreuen. Hier machte ich 2001 meine ersten Knipsversuche auf der Besucherterrasse. Mein allerstes Foto als Planespotter, es steht fein säuberlich eingeklebt in einem Fotoalbum im Regel: Eine Boeing 757-300 der Condor. Aber auch sonst habe ich viele schöne Erinnerungen an den Flughafen Hamburg. Etwa der Start vieler kleiner und großer Urlaubsreisen, eine private Führung durch einen Leserbrief meines Großonkels im Hamburger Abendblatt, der 100. Airport-Geburtstag und etwas ganz Besonderes im Jahr 2005: Ein Praktikum bei der Lufthansa Technik. Vier Wochen Feinmechanik, Privatjets und Linienflieger. Sogar das Flugzeug des damaligen Libyschen Präsidenten Muammar al-Gaddafi, ein Airbus A300, hatte dort einen Aufenthalt. Ich war drin, lernte die Crew kennen, Gaddafi selber war nicht in Hamburg. Bei den Kämpfen in Tripolis, 2011, wurde die Maschine zerstört.

HOMEBASE BREMEN AIRPORT

Nun gut, meine eigentliche Homebase ist der Flugplatz in Leer-Nüttermoor. Hier habe ich unzählige schöne Stunden verbracht, Rundflüge absolviert, Pressetermine gemacht und Fotos geschossen. Bei Flugplatz-Festen und auch besonders, wenn die Pink Aviation zu Fallschirmsprüngen vorbeikommt. Dreimal dürfte ich bisher mit hoch, mit einer Short SC.7 Skyvan 4M-400, und den Fallschirmspringern oben beim Absprung zuschauen, rein dienstlich natürlich. Zum Flughafen Bremen zog es mich 2002 das erste Mal. Seitdem komme ich regelmäßig. 1,5 Stunden Fahrzeit trennten mich jedes Mal von diesem „magischen Ort“. Mein Vater musste früher mit mir zweimal im Monat den ganzen Sonntag auf der Besucherterrasse verbringen, inklusive leckerem Mittagessen und Torte. Ein Sehnsuchtsort, der Duft der großen weiten Welt und viele schöne Fotos konnte und kann ich hier machen. Das erste Foto in Bremen? Eine Fokker 50 der KLM. Bremen ist auch der Ort, wo die meisten meiner Flugreisen begannen, bisher 54 an der Zahl. Meine Eltern, die waren leidensfähig. Neben den vielen Flughafenbesuchen haben sie wegen mir auch das Fliegen angefangen.

PLANESPOTTING - WAS IST DAS? WAS SOLL DAS?

Was ist eigentlich dieses „Planespotting“, von dem ich hier die ganze Zeit spreche? Es ist das Hobby des Fotografierens von startenden, landenden, rollenden und parkenden Flugzeugen. Dabei spielen besondere Lackierungen, Flugzeugtypen, Manöver oder Regierungsmaschinen eine entscheidende Rolle, aber auch das Vervollständigen einer gesamten Flotte einer Airline. Jeder macht es anders, viele schreiben sich nur die Registrierungen auf. Jedes Flugzeug besitzt am Rumpf eine individuelle Kennung, z.B. „D-AILA“ für einen Airbus A319 der Lufthansa. „D“ steht für Deutschland, das erste „A“ für die Gewichtsklasse, dann folgen drei zufällige Buchstaben. In anderen Ländern ist dieses System wieder ganz anders. Entstanden ist das Hobby im Zweiten Weltkrieg, wo sich Menschen die Kennungen der Flugzeuge notierten, um herauszufinden, ob es Freunde oder Feinde waren. Sehr schön, dass das Hobby heute eine ganz andere Bedeutung bekommen hat.

VON OBAMA BIS HARIBO 

Was macht Planespotting für mich aus? Bei mir ist es definitiv der Sammeleffekt. Da ich seit 2001 sowohl Airlines (aktuell 1.147), Flugzeugtypen (aktuell 1.277) von 273 Herstellern und auch Registrierungen tracke, ist die Sammlung ziemlich groß. Zehntausende Flugzeuge habe ich abgelichtet, Oldtimer, wie etwa die Junkers Ju-52 „Tante JU“, die stets eine treue Begleiterin auf meinen Spotting-Touren war oder Sonderlackierungen. Hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Sportereignisse, touristische Highlights oder Sponsoring. Von kleinen Stickern oder Themen, wie etwa die Lufthansa Boeing 737-300 als „Fanhansa“ zur Fußball-EM 2012 oder ganze Lackierungen, wie der berühmte HARIBO-Goldbären-Flieger der TUIlfy. Auch ganz weiße Jets, Flieger mit weißer Radarnase oder weißem Leitwerk sind interessant. Alles wird fein säuberlich in einer Excel-Tabelle dokumentiert, ebenso auch staatliche oder königliche Flieger. Die Maschinen von Deutschland, Polen, Serbien, Gambia, Frankreich, Großbritannien, der Niederlande, Brunei, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Japan, dem Senegal, Kanada, Südkorea, Saudi-Arabien, Jordanien, China, Russland, Indonesien, der Türkei, dem Oman, Kuweit und den Vereinigten Staaten von Amerika konnte ich fotografieren. Polen ist eine eher traurige Geschichte. Ich fotografierte in Warschau noch die Tupolev Tu-154 des damaligen Präsidenten Lech Kaczyński, der nur ein Jahr später mit dieser Maschine in Smolensk abstürzte. Die Maschine der Vereinigten Staaten von Amerika, die legendäre Air Force One, konnte ich bisher zweimal fotografieren. Erstmals 2016 in Hannover, unter strengen Sicherheitsvorkehrungen, inklusive einem Blick auf Barack Obama und sein Gefolge. Dann wieder 2018 beim G20-Gipfel in Hamburg. Dort reisten sie alle an: Justin Trudeau, Recep Tayyip Erdoğan, Xi Jinping, Wladimir Putin, Donald Trump oder Emmanuel Macron. Nach einem erfolgreichen Spotting-Tag hatte ich abends Tickets für ein Stück von Mary Roos und Wolfgang Trepper im Schmidt-Theater. Mitten in der Welcome-to-Hell-Demo und den Ausschreitungen im Hamburger Schanzenviertel konnte ich nach langer Wartezeit sicher in mein Hotel zurück. Was macht man nicht alles für sein Hobby…?

FLIEGEN – KEIN NOTWENDIGES ÜBEL

„Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein…“, sang Reinhard May 1974. Und natürlich stehe ich nicht nur am Flughafen und fotografiere, sondern fliege auch gerne und verbinde das Schöne mit dem Schönen. Helikopter, Segelflieger, Gyrokopter, Ultraleichtflieger, Airliner oder Sportmaschine. Knapp 300 Stunden, das entspricht etwa 12,5 Tagen oder anders gesagt auch 4,3 Erdumrundungen habe ich im Flieger verbracht. In 32 Länder haben mich bisher die Flieger dieser Welt gebracht, geschäftlich, wie privat. Lissabon, Athen. Vilnius, Danzig, Mallorca, Karibik oder an die Algarve. Tolle Airlines waren dabei. Air Berlin zum Beispiel, 32 Flüge habe ich mit ihr gemacht, noch immer unvergessen. Vor Allem hier jährlich nach Zürich, einem Spotting-Mekka in Europa. Oder auch eine Reise mit XL Airways Germany nach Tunesien mit einem Airbus A320, der nur ein Jahr später auf einem Testflug ins Mittelmeer stürzte. Neben den ganzen Airliner-Flügen machte ich auch 64 Rundflüge. Über Oldenburg, Ostfriesland, Rügen, Osnabrück, Wiesbaden oder Bremen. Ganz besonders gerne erinnere ich mich an einen Flug von und bis Uetersen, bei Hamburg, mit einem Oldtimer, einer De Havilland DH-84 Dragon (Iolar). Das Flugzeug, mit dem Aer Lingus 1936 ihren ersten Flug von Dublin nach Bristol veranstaltete. Der Flug war auf Spendenbasis und von der Aer Lingus Charity Foundation organisiert. Ein absolutes Highlight. Da ich auch hier schon früh mit der Fliegerei anfing, habe ich noch in einigen spannenden Fluggeräten Platz nehmen dürfen. In der Fokker 50 oder Fokker 70 der KLM zum Beispiel oder dem schönen Airbus A300-600 der Lufthansa. Auf der Langstrecke, bis heute ungeschlagen, der Airbus A340-600 auf dem Weg von Frankfurt nach Toronto und natürlich der Airbus A380 auf dem Flug von Paris nach New York. Mit 43 Flügen war die Boeing 737-800 bisher mein häufigstes Fluggerät. Transit-Flüge? Immer her damit, Umsteigeverbindungen bergen für mich spannende Airports und Anschlussmöglichkeiten.

Der Duft von Kerosin? Heimisch. Flugzeuggeräusche? Musik in meinen Ohren. Das wird sich auch so schnell nicht ändern. Wer auf seinem Rechner einen Ordner mit Sounddateien von startenden Flugzeugen hat, hat vielleicht einen an der Waffel oder einfach nur das schönste Hobby der Welt. Und das nun seit 23 Jahren. #aeromantic. Vieles will ich noch bereisen, viele Spotting-Ziele z.B., wie etwa St. Maarten auf den niederländischen Antillen, stehen auf meiner To-Do-Liste. Also, „ready for take-off“, würde ich sagen. Ich bin bereit!